Frauen Krimis - Männer Thriller? - Interview mit Else Laudan

Frauen KrimisMänner ThrillerGibt es spezifische Frauenkrimis? Was unterscheiden diese zu „normalen“ Krimis? Welche Rollen haben Frauen in Krimis, und sind Frauen die besseren Autorinnen?

Diese Fragen stellte der Thriller- und Krimiclub Else Laudan, Redakteurin des Ariadne-Krimiprogramm, Co-Geschäftsführerin und Programmchefin des Argument Verlags.

Krimiclub: Frau Laudan, wie hat sich der "Frauenkrimi" in den letzten Jahren entwickelt?

Else Laudan: Bei ihrer Gründung war das Genre und insbesondere der politische Kriminalroman noch fest in Macho-Hand, Frauen kamen traditionell in erster Linie als Opfer, Beute oder Trophäen vor. Dagegen generierten ab Ende der 1980er feministische Krimis einen neuen Kosmos, in dem Frauen die spannenden Welten als handelnde Figuren bevölkerten. Das waren damals sicherlich durchaus sehr "spezifische Frauenkrimis" Unsichere Amateurinnen retteten Leben, kluge Ermittlerinnen bremsten Schurken aus, Cop oder Schnüfflerin, mit und ohne Kinder, lesbisch oder hetero. Hardboiled-Lesbenkrimis mit unverschämt heissem Sex lösten die alten Klischees (passiv-)weiblicher Sinnlichkeit ab, Frauen übernahmen Sinnsuche und Berufsalltag. Der neue Typus von Krimi-"Heldinnen" wurde schnell so unwiderstehlich magnetisch, dass nicht nur eine Lesebewegung entstand, sondern auch aus der Nische eine mainstreamrelevante Marktlücke wurde: Alle grossen Verlage legten sich in den 90ern Frauenkrimireihen zu, Kommissarinnen und Lesben eroberten das Fernsehen, Frauen im Genre hatten plötzlich Konjunktur. Der Siegeszug feministischer Kriminalromane Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre bereicherte das Genre um aufgeklärte weibliche Perspektiven und diverse Aspekte von Frauenrealität. Milieus und Protagonistinnen rückten näher an ein weibliches Publikum heran, integrierten Elemente alltäglichen Frauenlebens.

Krimiclub: Was passierte dann und welche Auswirkungen hatte dies auf den Verlag?

Else Laudan:Dann wich die anfängliche Aufbruchstimmung immer mehr dem Warenprinzip, während zugleich die Frauenbewegungskultur verschwand. Das Ariadne-Programm musste sich neu aufstellen und ein zeitloses Profil entwickeln. Wir haben dies und jenes probiert, viel mit deutschsprachigen Autorinnen gearbeitet, nach und nach gelernt, dass Kompromisse uns nichts bringen, während ein scharfes, hoch politisches Profil unser Programm aufwertet. Unsere Reihe hat die Krimiszene um viele starke Frauen erweitert, neben internationalen Künstlerinnen wie Dominique Manotti, Liza Cody oder Malla Nunn auch hochkarätige deutschsprachige wie Monika Geier, Christine Lehmann, Dagmar Scharsich, Anne Goldmann oder Merle Kröger.  

Krimiclub: Wie sieht ihr heutiges Programm aus?

Else Laudan: Bei Ariadne erscheint heute gesellschaftskritische Kriminal- und Noir-Literatur von Frauen, an die wir spezifische, hohe Ansprüche stellen. Es geht um Erzählweisen, die sprachlich leuchten, nicht in Klischees steckenbleiben, den Lesenden etwas zutrauen. Kriminalromane können zugleich spannend unterhalten und den Blick erweitern, sie sind "Fenster zur Welt". Für Ariadne sind gute Krimis immer politisch. Schon seit Hammett und Chandler ist ja das Genre die Erzählung der ungeschminkten Realität, es thematisiert Unrecht, Gewalt, Konflikte und soziale Missstände, zeigt die Dimension von Verbrechen auf höherer Ebene. Mit dem Blickwinkel der Frauen kommen oft noch zusätzliche Milieus und Bereiche ins Spiel. Fragen des täglichen Lebens werden nicht so leicht ausgeblendet – Gesundheit, Versorgung Schwächerer, Kinder, Alte etc. Das ergibt häufig komplexere Figuren, stellt realistische Alltagsbezüge her, sorgt für lebensnahe Brisanz. Schnell zwei Beispiele: Aus Südafrika kommt ja in den letzten Jahren sehr eindrucksvolle politische Kriminalliteratur. Deon Meyer, Roger Smith, Mike Nichols und andere zeigen das Post-Apartheids-Südafrika als Gesellschaft im Umbruch, ein Land der Extreme. Ihre Romane sind beinhart, vielschichtig und intelligent, es geht um ethnische Konflikte, Waffenhandel, Korruption, Gangs, Kriegsgewinnertum, soziale Schere u.v.m. Doch einige brisante Themen, die zentral zu Südafrika gehören, stehen kaum im Fokus. Natürlich sind Gewalt gegen Frauen oder Politik um HIV und AIDS keine rein weiblichen Themen, dennoch bleiben sie bei den Jungs weitgehend ausgespart. Charlotte Otters Roman Balthasars Vermächtnis ist ebenso hardboiled wie die Bücher ihrer Kollegen, doch der Blick verschiebt sich. Und Monika Geiers Pfälzer Serienkommissarin Bettina Boll, fest in der polizeilichen wie in der "privaten" kulturellen und sozialen Realität verankert, hat Sorgen, die Chandlers Jungs nie hatten: Ihr Chef und praktisch alle Kollegen stossen sich daran, dass sie "bloß Halbtagskommissarin" ist, weil sie nebenbei zwei Kinder grossziehen muss was zu ganz wunderbaren, kolossal anekdotischen Nebenschauplätzen führt, wenn die Tagesmutter versagt (in Stein sei ewig) oder die Kommissarin in die Schule zitiert wird (in Die Herzen aller Mädchen). Das ist enorm reizvoll, ganz grosses Kino!

Krimiclub: Sind Frauen die besseren Autorinnen?

Else Laudan: Jahrelang las ich tatsächlich lieber Frauen als Männer, weil sich (speziell in den 90ern) im Genre auf Frauenseite mehr tat, und das ging nicht nur mir so. Heute feiere ich die aktuelle Konjunktur des Politischen im Genre ungeachtet des > Geschlechts, die Relevanz der Stoffe, die Welthaltigkeit. Für mich kommt es letztlich darauf an, wie etwas geschrieben ist und was die Schreibweise mit mir macht. Ich will mich weder belehren lassen noch wollüstig gruseln, sondern ich will mitreissende, realistische, spannende Romane über echte Lebenswelten, relevantes Zeitgeschehen. Der weibliche Blick ist eine notwendige Ergänzung. Noirs und politische Kriminalromane bringen in leidenschaftlichen Erzählungen an den Tag, wo und wie im Namen von Fortschritt und Zivilisation abgesahnt, betrogen, ausgetrickst, zerstört und getötet wird. Die grossen Verbrechen und Intrigen der nach Macht und Gewinn strebenden Eliten, Aufsteiger und Erfüllungsgehilfen bilden einen weltweiten Sumpf, in dem die Anstrengungen der Redlichen, der Aufrechten und der Unbedarften untergehen. Sie verschwinden spurlos – so wie die Frauen aus der Geschichte: Wer in der – fiktionalen wie sachlichen – Geschichtsschreibung der Menschheit abseits von Modefragen und Dekorationsfiguren nach dem weiblichen Teil der Erdbevölkerung sucht, muss stets auf feministische Literatur zurückgreifen. Denn die Mainstream-Betrachtung des Zeitgeschehens reflektiert die Hegemonie seiner Herrschaftsverhältnisse, indem die sichtbar gemachten Akteure überwiegend, ja fast ausschließlich aus christlich gebildeten männlichen Weissen bestehen (die vielleicht 5% der Weltbevölkerung ausmachen), und alles dreht sich scheinbar um ihre ach so vernünftigen Interessen und Konflikte. Doch in dieser Lesweise des Zeitgeschehens, die unsere Geschichtsschreibung ebenso manipuliert wie unsere Gegenwartsdeutung, gibt es ein schreckliches Übermass an blinden Flecken, an Verdrängtem und Verschwiegenem. Gute Kriminalromane machen das, was in diesem Schweigen alles verborgen bleibt, zum Thema. Durch alle Krimis meiner Autorinnen zieht sich dieser Ariadnefaden. Wer ihm folgt, begibt sich ins Labyrinth der im kulturellen Mainstream oft nicht präsenten Wirklichkeiten. Wo es ums Zeitgeschehen geht, werden recherchierte Fakten zu packend erzählten Panoramen menschlichen Lebens verwoben und so dem Dunkel des Schweigens entrissen. In der Fiktion, in der Kriminalliteratur formiert sich eine Gegengeschichte. Und in ihren erfundenen Plots steckt viel weniger Illusion als in der kolportierten Geschichtsschreibung wie auch Berichterstattung. Die Fiktionalisierung macht denkbar, konkret vorstellbar, was Wahrheiten abseits des allgemein Verbreiteten sind. Sie kartographiert Dimensionen des Weltgeschehens, die sonst nicht oder bestenfalls abstrakt in unserem Blickfeld auftauchen. Das ist – für mich – des Krimis edelster Job.

Der Krimi-und Thrillerclub dankt Else Laudan ganz herzlich für ihre ausführlichen Antworten!

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